22.07.2026
/ Quelle: new-communication.de
Zwischen Staunen und Skepsis verändert generative KI gerade, wie Illustrationen entstehen: Prompts ersetzen zwar keine Kreativität, erweitern aber das Werkzeugset von Designer*innen und Agenturen. Das Tempo, in dem Illustrationen und Bilder entstehen, wurde maßgeblich angezogen. Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen nach Originalität, Urheberschaft, Qualität und Verantwortung offen. Warum KI also weder das Ende der menschlichen Kreativität noch ein Wunderheilmittel ist, erklärt Art-Direktorin und Illustratorin Isabelle Neff in ihrem Artikel.
Kann uns KI-Kunst überhaupt emotional berühren und eine Intention haben, wenn die Maschine dahinter nichts fühlt? Viele Kritiker*innen beantworten diese Frage klar mit „Nein.“ Trotzdem wurde bereits 2024 ein mithilfe von KI erschaffenes Kunstwerk für schlappe 1,2 Millionen Euro versteigert. Ist KI also das Ende der menschlichen Kreativität oder vielleicht doch eine Bereicherung, die künstlerisches Arbeiten für alle nutzbar macht?
Arbeiten wir mit generativer KI für Illustrationen, dann verschiebt sich unsere Rolle beim Entstehen eines Werks: vom Malen mit Stiften oder Pinseln hin zum Hantieren mit Textbefehlen. Prompts werden so lange verbessert und umgeschrieben, bis die Maschine genau das erzeugt, was unserer Vorstellung entspricht. Das Material, aus dem ein Werk entsteht, hat also viel mehr mit unseren Gedanken zu tun als mit einer rohen Tube Ölfarbe oder einem frisch gespitzten Stift. Die Bildidee zählt also nach wie vor.
Die Nutzung von KI kann von Illustrator*innen, Designer*innen, Agenturen und Unternehmen als unterstützendes Werkzeug eingesetzt werden, um Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten oder um Inspiration zu liefern. Damit gelingt KI etwas, das zuletzt durch die Fotografie bewirkt wurde: die Demokratisierung von Kunst auf Ebene der Produktion. Denn mit der richtigen Technik kann nun jeder illustrieren, in Sekundenschnelle und auf Knopfdruck. Gleichzeitig wirft diese Möglichkeit Fragen auf zur Urheberschaft, Qualitätsstandards, Originalität und wirtschaftlicher Fairness.
Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen
"Es ist wie es ist. Wir müssen es umarmen und uns öffnen ein bisschen, weil wir sonst abgehängt werden." – Fotograf Stephan Wiesner über die Möglichkeiten von KI.
Einer der Hauptvorteile von künstlicher Intelligenz ist ihre Fähigkeit, kreative Prozesse zu beschleunigen. Dadurch können vor allem langwierige Aufgaben wie z. B. das Wiederholen von Mustern oder dem Rendern unwesentlicher Details innerhalb kürzester Zeit umgesetzt werden. Aber auch im Umsetzen von Moodboards, ersten Skizzen oder dem Erstellen von verschiedenen Stilvarianten kürzt KI den Weg ab. Wo früher aufwendige manuelle Entwurfsrunden gedreht worden wären, können heute visuelle Richtungen parallel getestet werden. In Projektphasen, etwa bei Kampagnenideen, stellt diese Möglichkeit einen wahren Gamechanger dar. Denn so bleibt am Ende mehr Zeit für die Entwicklung relevanter Konzepte und Vorschläge für kreative Alternativen.
Der größte Nutzen von KI-generierten Illustrationen liegt nicht darin, uns Menschen zu ersetzen, sondern Arbeitsprozesse zu erweitern. Schon durch die Digitalisierung hat sich die Branche und auch die Arbeitsweise klassischer Illustrator*innen verändert: digitale Zeichenmethoden sind Alltag geworden und brachten eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind.
KI kann als visuelles Sketchbook genutzt werden, indem das erzeugte Rohmaterial von einem geschulten Auge geprüft und weiterentwickelt, kombiniert oder verworfen wird. Gerade bei Projekten mit engen Deadlines oder begrenztem Budget kann uns KI helfen, effizienter zu belastbaren Entwürfen zu kommen.
Wieso der Mensch unersetzlich ist und es auch bleibt
Trotz aller Vorteile, die KI uns im Generieren von Illustrationen bietet, hat sie auch ihre Grenzen. So weisen viele Bilder sogenannte „KI-Slops“ auf: also Fehler, die nur bei genauer Betrachtung auffallen. Dazu zählen unlogische Perspektiven, falsche Schatten, visuelle Artefakte oder inkonsistente Details. Zwar entwickeln sich die Modelle immer weiter, doch sie verstehen Illustrationen nicht im menschlichen Sinn. Generative KI berechnet plausible Bildanordnungen auf Basis gelernter Zusammenhänge. .
Ein weiterer Nachteil ist die Austauschbarkeit. Generierte Bilder wirken oft erzählerisch schwach und glänzen allein durch ihre glatte Ästhetik. Dadurch entstehen oftmals unnatürliche Szenen mit dramatischem Licht, übersteigerten Details, ähnlichen Gesichtern oder generischem Look. Spannende und berührende Illustrationen leben jedoch von einer persönlichen Handschrift, Haltung, Reduktion, Stilbruch und bewussten Entscheidungen. Genau diese Qualität entsteht nicht automatisch durch das Diktieren von Prompts.
Hinzu kommt auch der Kontrollverlust beim Arbeiten mit KI: So werden Anweisungen missverstanden, Elemente weggelassen, Details verändert, die eigentlich konsistent bleiben sollten. Bei Serienillustrationen, etwa einem Kinderbuch, ist das besonders relevant: Charaktere, Räume und Objekte müssen über mehrere Bilder hinweg konsistent bleiben. Es ist bereits möglich, diese Konsistenz zu gewährleisten, jedoch nicht ohne menschliche Kontrolle.
Auch zur Verantwortung gehört dabei die generierten Illustrationen zu prüfen auf diskriminierende Stereotypen, ob es falsche Realitäten suggeriert oder rechtlich problematisch ist. Denn Bilder können unsere Wahrnehmung dauerhaft verzerren oder täuschen, sodass Vorurteile unserer Gesellschaft nicht nur durch KI übernommen, sondern teilweise noch verstärkt werden.
Ein Blick in die Glaskugel
Wahrscheinlich wird uns die Zukunft in ein hybrides Arbeitsmodell führen: Illustrator*innen werden KI genau da nutzen, wo sie Tempo und Variantenreichtum brauchen. Gleichzeitig wird die menschliche und persönliche Handschrift als Qualitätsmerkmal wichtiger, um sich langfristig abzuheben. Denkbar sind KI-Agenten, die auf freigegebene eigene Arbeiten trainiert werden und in der Entwicklung von Ideen unterstützen können
Gleichzeitig wird die Transparenz im Umgang mit generierten Bildern verschärft werden: Konsument*innen sollen erkennen können, woran und wie KI beteiligt war.
Fazit
KI ist für den Einsatz im Illustrationsbereich also weder eine Bedrohung noch ein Wundermittel. Sie kann eher als mächtiges Werkzeug dienen, Prozesse zu beschleunigen und unsere Kreativität zugänglicher zu machen. Doch KI fordert auch das menschliche Verantwortungsbewusstsein und unsere Genauigkeit, um mögliche Fehler oder falsche Realitäten zu entlarven. Die Zukunft mündet in einer Art Zusammenarbeit: menschliche Kreativität als Richtungsgeber und KI als Werkzeug.